FTP-Test: beliebt in der Praxis aber unzuverlässig zur Trainingssteuerung

Im Radsport und Triathlon ist der FTP-Test eine weit verbreitete Methode, um individuelle Trainingsbereiche und eine Leistungsentwicklung in Eigenregie und ohne Labor zu bestimmen. In der virtuellen Rad-Welt „Zwift“ führt sogar überhaupt kein Weg an der Kennzahl FTP vorbei, soll das Training auf der Rolle nach Leistung gesteuert werden. 

Dabei ist längst bekannt,

  • dass der FTP-Test Schwächen hat,
  • seine Aussagekraft sehr begrenzt ist und
  • eine „echte“ Leistungsdiagnostik, wie einen Laktattest oder eine Spiroergometrie, nicht ersetzen kann (vgl. u.a. Valenzuela et al., 2018).

In diesem Artikel möchten die iQ athletik Diagnostikexperten den FTP-Test kurz vorstellen, aufzeigen was dabei überhaupt gemessen wird, wie genau die Ergebnisse sind, was der Test nutzt und wo seine Grenzen sind. 

In einem nachgelagerten Exkurs „Der FTP-Test auf dem Prüfstand“ werden noch einmal für interessierte Leser detaillierte Ergebnisse aus Studien angeführt, die die Aussagekraft des FTP-Tests aus trainingswissenschaftlicher Sicht hinterfragt haben.

Was ist der FTP-Test?

Der FTP-Test wird zum Bewerten der Leistungsfähigkeit eines Sportlers auf dem Fahrrad eingesetzt. Der Test ist in der Praxis sehr beliebt, da zum Durchführen lediglich ein Fahrrad mit Wattmesser (Power Meter) erforderlich ist. Die Alternative ist ein Rollen- bzw. Smarttrainer mit integrierter Leistungsmessung, wie ihn Zwifter zum Radfahren in Watopia nutzen. 

Die Abkürzung FTP steht für „Funktional Threshold Power“, in Deutsch ausgedrückt: die „Funktionelle Leistungsschwelle“. Diese soll die Leistung in Watt wiederspiegeln, die ein Sportler auf dem Fahrrad bzw. Radergometer über eine Stunde hinweg gerade so aufrechterhalten kann. 

Da es in der Praxis schwierig ist, einen 60-minütigen All-Out-Test (FTP60) durchzuführen, wird der FTP-Test meist auf 20 Minuten (FTP20) verkürzt. Die hierbei bestimmte mittlere Wattleistung über 20 Minuten wird dann mit dem Faktor 0,95 multipliziert. So kann, laut den Entwicklern des Tests, die maximale Schwellenleistung über 60 Minuten bestimmt werden. Hieraus sollen sich dann individuelle Trainingsbereiche ableiten lassen (Allen und Coggan, 2012). Die Betonung liegt hierbei auf „sollen“, denn die durch den FTP-Test bestimmten Ergebnisse sind durchaus mit Vorsicht zu genießen, wie die folgenden Abschnitte aufzeigen.

FTP-Test auf dem Fahrradergometer
FTP-Test auf dem Fahrradergometer: beliebt in der Praxis aber unzuverlässig zur Trainingssteuerung

Was der FTP-Wert aussagt und was nicht

Der FTP-Wert (Funktional Threshold Power) wird leider häufig und sehr unreflektiert mit der erbrachten Leistung an der individuellen anaeroben Schwelle (IAS) gleichgesetzt (vgl. u.a. Jeffries et al., 2019). Die anaerobe Schwelle kennzeichnet die Leistung, bei der die Produktionsrate und die Abbaurate von Laktat gleich sind. Damit markiert die anaerobe Schwelle die höchstmögliche Intensität, die ohne Ansammlung von Laktat aufrechterhalten werden kann. Die Leistungsdauer ist in diesem Fall meist durch die Verfügbarkeit von Kohlenhydraten begrenzt, die bei der Intensität an der anaeroben Schwelle schnell verbraucht werden. Die anaerobe Schwelle ist seit langem als einer der wichtigsten Eckpunkte im Ausdauersport bekannt. In der Trainingssteuerung kommt dieser Schwelle nicht nur im Radsport eine große Bedeutung zu.

Der Punkt, an dem Laktatproduktion und Laktatabbau im Gleichgewicht sind, wird auch als maximales Laktat-Steady-State (maxLass) bezeichnet (Westerhoff et al., 2013). Ab diesem Punkt würde eine weitere Belastungssteigerung zu einem Verlassen des Gleichgewichtzustandes führen. Die Folge wäre eine zunehmende Übersäuerung.

Die anaerobe Schwelle beschreibt damit nicht einfach nur eine bestimmte Schwellenleistung in Watt auf dem Fahrrad. Sie bildet einen physiologischen Vorgang ab, der zu dieser Leistung führt (Stichwort: Laktatproduktion und Laktatabbau). 

Alles Watt? Nein! Eine erfolgreichen Trainingssteuerung braucht mehr als nur den FTP-Wert

Der FTP-Wert gibt dagegen nur einen Leistungswert wieder. Er kratzt damit nur an der Oberfläche einer Leistungserbringung. Der ermittelte Wert gibt keinerlei Auskunft darüber, wie die Leistung erbracht wurde. Es fehlt der wichtige Einblick in die Funktionsweise des Stoffwechsels. Dadurch fehlt auch der Zugang zu wichtigen physiologischen und trainingsrelevanten Parametern: es bleibt unklar, zu welchen Anteilen das aerobe und das anaerobe System an der erbrachten Leistung beteiligt sind

Zur Bedeutung dieses Aspektes sei folgendes Beispiel angeführt:
Zwei Radfahrer erbringen jeweils den gleichen FTP-Wert von 250 Watt. Allerdings gestaltet sich das physiologische Erbringen dieser Leistung bei beiden Sportlern völlig unterschiedlich. Beim ersten Fahrer trägt die Leistungsfähigkeit des anaeroben Systems weit stärker zum Erbringen der Schwellenleistung bei. Der zweite Fahrer erbringt die Leistung dagegen weit stärker über aerobe Stoffwechselprozesse. Folglich müssten die abgeleiteten Trainingsempfehlungen für beide Radsportler unterschiedlich ausgestaltet werden. Nur so können beide Athleten ihre Leistungsfähigkeit effektiv und maximal steigern. 

FTP-Test: schätzen statt messen

Dies kann der FTP-Test allein nicht leisten. Es fehlt die wichtige Erkenntnis über die Leistungsfähigkeit der unterschiedlichen Stoffwechselsysteme. Differenzierte Trainingsempfehlungen können dann lediglich auf der Basis von Vermutungen ausgesprochen werden. Im Anschluss an einen durchgeführten FTP-Test bleiben folglich wichtige Fragen für eine gezielte Trainingsplanung und -steuerung offen. 

Antworten können hier nur die etablierten diagnostischen Methoden geben, wie z.B. eine Laktatdiagnostik (mehr erfahren) oder einer Spiroergometrie (mehr erfahren). 

Stehen diese diagnostischen Verfahren nicht zur Verfügung, kann der FTP-Wert als ein Marker für die Ausdauerleistungsfähigkeit angesehen werden.

Die Zuverlässigkeit sinkt mit dem Leistungsniveau

Die Genauigkeit und Zuverlässigkeit des FTP-Tests ist stark durch den Trainingsstatus des getesteten Radsportlers abhängig. Besonders bei Freizeitsportlern neigt der FTP-Test dazu, falsche Ergebnisse zu produzieren. In dieser Gruppe fehlt oftmals das notwendige Bewusstsein für die eigene Leistungsfähigkeit (vgl. u.a. Valenzuela et al., 2018). 

Wer sein Radtraining mit zuverlässigen Trainingsbereichen effektiv gestalten will, kommt um das Durchführen einer „echten“ Leistungsdiagnostik wie einem Laktattest (mehr erfahren) oder einer Spiroergometrie (mehr erfahren) nicht herum.

Zur Trainingsteuerung ungeeignet – Resümee zum FTP-Test:

  • Stehen keine etablierten diagnostischen Verfahren zur Verfügung, kann der FTP-Wert als ein Marker für die Ausdauerleistungsfähigkeit angesehen werden
  • Die Genauigkeit und Zuverlässigkeit des FTP-Tests ist jedoch stark vom Trainingsstatus beeinflusst
  • Der FTP-Test liefert besonders für Freizeitsportler oftmals falsche Ergebnisse und falsch abgeleitete Trainingsbereiche
  • Zur Trainingssteuerung sollte der FTP-Wert äußerst vorsichtig interpretiert und wegen möglicher Über- oder Unterschätzung nicht herangezogen werden
  • Der FTP-Wert gibt keinerlei Auskunft darüber, wie eine Leistung beim Radfahren zustande kommt. Es fehlt der wichtige Einblick in die Funktionsweise des Stoffwechsels und seine aeroben und anaeroben Energiebeiträge an der Schwellenleistung
  • Differenzierte Trainingsempfehlungen im Anschluss an einen FTP-Test können lediglich auf der Basis von Vermutungen ausgesprochen werden (siehe Punkt zuvor; es fehlt die wichtige Erkenntnis über die Leistungsfähigkeit der unterschiedlichen Stoffwechselsysteme)
  • Der FTP-Test kann eine „echte“ Leistungsdiagnostik nicht ersetzen. Wer mit zuverlässigen und effektive Trainingsbereichen trainieren will, sollte etablierte Tests wie Laktatdiagnostiken oder Spiroergometrien absolvieren 


EXKURS: Der FTP-Test auf dem Prüfstand

Auszug der wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Funktional-Threshold-Power-Test

Borszcz und Kollegen (2018) wollten überprüfen, ob der FTP-Wert (Funktional Threshold Power) mit der erbrachten Leistung an der individuellen anaeroben Schwelle (IAS) gleichgesetzt werden kann. Zur Überprüfung dieser Frage führten sie eine Untersuchung durch. Zur Ermittlung des FTP-Wertes absolvierten 23 trainierte männliche Radfahrer je einen 20- und einen 60-minütigen-Test im Zeitfahren unter Laborbedingungen (FTP20-Test und FTP60-Test). Zusätzlich wurde in einem weiteren Test die Leistung an der IAS mittels Laktatdiagnostik bestimmt. Die Autoren fanden hohe Korrelationen zwischen den generierten Leistungen („Power output“, PO) in FTP20, FTP60 und der Leistung an der IAS. Jedoch kritisierten Sie, dass aufgrund einer hohen Streuung der individuellen Messwertdifferenzen, die durch den FTP-Test generierten Werte nicht 1:1 mit der Leistung an der IAS gleichzusetzen sind (Borszcz et al., 2018).

Valenzuela und Kollegen (2018) stimmen mit diesem Ergebnis überein, allerdings trifft die Übereinstimmung der FTP und der IAS nur für leistungsorientierte Radfahrer (> 4,5 Watt/kg im maximalen Output) zu. Bei Hobbysportlern (< 4,5 Watt/kg im maximalen Output) lag der FTP-Wert niedriger als die entsprechende Laktatschwelle. Die Autoren schlussfolgerten hier, dass der FTP-Wert ein Marker für die Ausdauerleistungsfähigkeit darstellt, die Genauigkeit und Zuverlässigkeit des Wertes jedoch stark mit dem Trainingsstatus des jeweiligen Athleten zusammenhängt. So sei der FTP-Test für Leistungssportler, die ein gutes Bewusstsein für ihre eigene Leistungsfähigkeit besitzen, ein geeignetes Tool. Bei Hobbysportlern würde die Schwelle jedoch meist unterschätzt werden, was falsche Trainingsbereiche zur Folge hätte (Valenzuela et al., 2018).

Die Sportwissenschaftler im Leistungsdiagnostikzentrum „Diagnose Berlin“ untersuchten, inwieweit es möglich sei, die im FTP20-Test generierten Werte (95% der 20-minütigen Leistung) tatsächlich über 60 Minuten aufrecht zu erhalten und ob die Ergebnisse in einem Wiederholungstest ähnlich ausfallen würden. Dazu absolvierten 19 Versuchspersonen, zehn aktive Hobbyradfahrer und neun sportliche Nicht-Radfahrer, innerhalb einer Woche zwei FTP20-Tests. Beide Gruppen steigerten, trotz standardisiertem Testablauf, ihre Leistung um knappe 6% im zweiten Testdurchlauf. Damit zeigten sie einen deutlichen Lerneffekt. Auch hier wurde vermutet, dass die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung mit der Radsporterfahrung korreliert. Es wurde anschließend, mit den errechneten Werten bei 95% der im FTP20-Test ermittelten Leistung, ein tatsächliches 60-minütiges Zeitfahren im Labor absolviert. Dabei schafften 6 von 18 Versuchspersonen (rund 33 %) aus beiden Gruppen die 60 Minuten nicht. 

Jeffries und Kollegen (2019) untersuchten den FTP20-Test im Vergleich zu mehreren etablierten laktatbasierten Messungen. Die Leistung an der FTP zeigte lediglich eine Übereinstimmung mit der Leistung bei der 4mmol-Laktatschwelle. Jedoch gab es eindeutige Unterschiede zwischen der FTP und anderen Laktatparametern wie z.B. der IAS. Die Autoren schlussfolgerten, dass die FTP keine äquivalente physiologische Grundlage im Vergleich zu anderen laktatbasierten Testungen hat und daher nicht mit der IAS gleichzusetzen ist. Zudem gibt es Hinweise, dass es zu einer Unterschätzung anaerob trainierter Sportler oder einer Überschätzung aerob trainierter Sportler kommen könne (Jeffries et al., 2019).



QUELLENVERZEICHNIS

 

Allen, H., & Coggan, A. (2012). Wattmessung im Radsport und Triathlon. Spomedis.

 

Borszcz, F. K., Tramontin, A. F., Bossi, A. H., Carminatti, L. J., & Costa, V. P. (2018). Functional threshold power in cyclists: validity of the concept and physiological responses. International journal of sports medicine, 39(10), 737-742.

 

Diagnose Berlin (2018). FTP Test – Rad Studie zur Genauigkeit der Functional Threshold Power. Abgerufen am 08.11.2019 unter: https://www.diagnose-berlin.de/ftp-test/

 

Jeffries O., Simmons R., Patterson S. D. & Waldron M. (2019). Functional Threshold Power Is Not Equivalent to Lactate Parameters in Trained Cyclists. The Journal of Strength & Conditioning Research. DOI: 10.1519/JSC.0000000000003203.

 

Valenzuela, P. L., Morales, J. S., Foster, C., Lucia, A., & de la Villa, P. (2018). Is the Functional Threshold Power a Valid Surrogate of the Lactate Threshold? International journal of sports physiology and performance, 13(10), 1293-1298.

 

Westhoff, M., Rühle, K. H., Greiwing, A., Schomaker, R., Eschenbacher, H., Siepmann, M., & Lehnigk, B. (2013). Ventilatorische und metabolische (Laktat-) Schwellen. DMW-Deutsche Medizinische Wochenschrift, 138(06), 275-280.